Predigt über Johannes 5, 1-9
anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des Ev. Krankenhauses Bethesda
in der Christuskirche zu Mönchengladbach am 11. Juni 2005
von Präses Nikolaus Schneider

Liebe Gemeinde,

„Die Heilung eines Kranken am Teich Bethesda“ ist der Evangeliumstext aus dem Johannesevangelium für unsere Predigt überschrieben, liebe Gemeinde. Dieser Text wurde von Ihnen gewünscht, denn er ist so etwas wie ein „Programmtext“ für ein evangelisches Krankenhaus.

Hören wir also auf die Geschichte aus dem Johannesevangelium:

„Danach war ein Fest der Juden und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf hebräisch Bethesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezerrte. Es war aber dort ein Mensch, der lag 38 Jahre krank. Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin“.

Wir wissen es nun genau, liebe Gemeinde: Bethesda verbindet sich mit Jerusalem, heilendem Wasser, großem Krankenbetrieb in fünf Hallen – fast möchte man sagen: Ein großer Krankenhausbetrieb.

Unser Predigttext, liebe Gemeinde, erzählt die Geschichte einer Wunderheilung. Gottes Kraft in Jesus Christus heilt einen der vielen Kranken am Teich Bethesda. Warum nur den einen? Warum gerade diesen einen? Warum nicht die vielen anderen Kranken damals vor zweitausend Jahren, warum nicht die unzähligen anderen Kranken in den letzten zweitausend Jahren bis heute, die im Vertrauen auf diese Geschichte Gott um Heilung anflehten und noch heute anflehen? Das sind drängende und Menschen bedrängende Fragen, sicher auch für Sie, die Sie täglich mit der Unverfügbarkeit von Heilungserfahrungen und Todeserfahrungen konfrontiert werden.

Diese Fragen aber, liebe Gemeinde, hat unser Predigttext nicht im Blick – es kann für Sie auch keine endgültigen theologischen Antworten geben. Mit der Unverfügbarkeit der Gnade Gottes und der damit verbundenen Spannung zwischen Erfüllung dort und Nichterfüllung hier müssen wir leben. Andere wichtige Fragestellungen werden in diesem Text angesprochen, die auch heute noch für ein evangelisches Krankenhaus bedenkenswert und wegweisend sind. Hören wir also auf diesen programmatischen Text unter drei Gesichtspunkten:

1. Allein unter vielen,
2. Leib, Geist und Seele,
3. Jede und jeder ist eine ganze Lebensgeschichte.

Zum 1.: Allein unter vielen:

Fünf Hallen, Massenbetrieb, ganz unterschiedliche Krankheitsbilder. Viele verschiedene Krankheiten. Viele sind da, ein buntes Treiben und viel Leben. Trotzdem sagt einer in dieser Situation: Ich habe keinen Menschen. Denn, wenn es wirklich darauf ankommt, habe ich keinen Menschen, obwohl ganz viele da sind. Das Thema heißt: Wie kommt ein Einzelner in einem großen Betrieb vor? Wie wird er wahrgenommen? Wie werden seine Bedürfnisse ernst genommen und wie werden sie verstanden?

Dieses Thema ist uns sehr nah. Wie kommt ein Einzelner zur Geltung unter den vielen Ansprüchen und Herausforderungen? Denn die vielen Ansprüche und Hausforderungen haben ja alle ihr Recht und ihre Berechtigung. Und die Anzahl derer, die sich kümmern, hinhören, nachsehen und sorgen, war immer knapp in Relation zu denen, für die gesorgt werden musste. Wie also kann man einem Einzelnen gerecht werden?

Wie bekommt ein Kranker einen Menschen, der hinsieht, der hinhört, der aufmerksam ist – das galt und gilt für die Kranken aller Zeiten. Dass wir vor lauter Betriebsamkeit nicht an ihnen vorübergehen, bleibt unsere Herausforderung. Das gilt bei allem, was wir tun, selbst wenn wir Menschen ganz nahe, sogar intim nahe kommen bei der Pflege, der Versorgung oder gar bei einer Operation, so dass man wortwörtlich in einen Menschen hineingreift – so kann es trotzdem passieren, dass wir Menschen nicht nahe sind. Der Haut, den Knochen, den Adern, dem Fleisch nahe sein heißt eben nicht automatisch: Dem Menschen nah sein.

Seine Worte hören, seine Gefühle ahnen, die Schwingungen aufnehmen, die von ihm ausgehen, das ist eben etwas anderes als Kurven lesen und Werte bestimmen – wobei ich medizinische Technik und analytische, naturwissenschaftliche Arbeit nicht schlecht machen will.

Aber einem Menschen nahe sein, ist noch etwas anderes. Das gilt für die Kranken, aber es gilt auch für alle, die in einem solchen Betrieb arbeiten. Auch für die Mitarbeitenden gilt die Frage: Wie nehmen wir uns wahr? Wie werden wir aufeinander aufmerksam? Wie nehmen wir uns Zeit, konzentrieren uns, kommen zur Ruhe, um wirklich hinzuhören und ganz nahe bei einem anderen zu sein.

Zum 2.: Leib, Geist und Seele

Jesus hat das offensichtlich gekonnt: Nahe bei einem Menschen sein. Dieser bestimmte Mensch ist ihm aufgefallen. Er hat sich nach ihm erkundigt und hat ihn in besonderer Weise wahrgenommen. Wahrgenommen hat er den Körper, der dort lag – aber auch Geist und Seele dieses kranken Menschen. Und er hat wahrgenommen, dass dieser Mensch zunächst eine deutliche und kräftige Anfrage brauchte. Jesus fragt ihn ja als erstes: „Willst du gesund werden?“

Nur auf den ersten Blick ist diese Frage merkwürdig. Denn wie kann der Leib gesund werden, wenn Geist und Seele schon längst nicht mehr wollen; wenn Geist und Seele aufgegeben haben; Wenn sie müde geworden, wenn sie mürbe geworden sind.

Ich denk, wir kennen das auch, wenn wir krank werden: Ein geschundener Leib zerreibt Geist und Seele. In der täglichen Praxis und im Umgang mit uns selbst können wir eben nicht unterscheiden zwischen Leib, Geist und Seele. Wir haben nicht nur unseren Leib, wir sind Leib.

Deshalb war diese erste grundlegende und fundamentale Klärung notwendig: Willst du? Wie sieht es aus mit deinem Wollen, deiner Lebensenergie – ohne sie kann der Körper nicht gesund werden. Diese Lebensenergie ist so etwas wie die Schöpfungsenergie. Die lebendige Seele wurde dem Menschen – so wird es uns am Anfang der Heiligen Schrift berichtet – von Gott eingehaucht. Die Seele ist also das Lebendige, das uns mit der Schöpfungskraft verbindet, sozusagen der Andockpunkt, die Schleuse für das Leben schaffende Handeln Gottes.

Die Frage nach der Lebensenergie ist also die Voraussetzung für alles Folgende. Lebensenergie ist etwas, das wir bewahren müssen, das wir pflegen müssen, das wir immer wieder neu anfachen müssen. Und dazu ist die Nähe so wichtig, die Gespräche der Ärztinnen und Ärzte, der Pflegerinnen und der Pfleger, der Krankenschwester und nicht zuletzt auch der Krankenhausseelsorgerinnen und –seelsorger.

Als diese Frage geklärt war, ging bei Jesus alles ganz schnell. Das Wort Jesu reichte. Ich würde es ihnen wünschen, dass Sie in der Kraft dieses Wortes auch heilen können. Und ich bin sehr sicher: In der Art und Weise, wie sie mit Patientinnen und Patienten reden, spielt auch dieses heilende Wort Jesu oder diese Dimension seines Wortes eine entscheidende Rolle. Ich bin ganz sicher: Viele von ihnen haben Menschen schon aufgerichtet, geheilt oder einen Heilungsprozess durch ihre Worte wesentlich angestoßen, ohne dass sie das selbst gemerkt haben. Worte ermuntern zum Leben und vermitteln neue Lebensenergie.

Zum 3.: Jeder und Jede ist eine ganze Lebensgeschichte

Jesus spricht den Kranken an, macht ihn gesund und sagt zu ihm: Nimm dein Bett und geh hin!

Nimm dein Bett: Der Kranke hat sein Bett mitgebracht oder er wurde auf diesem Bett zu dem Ort Bethesda hingetragen. Das Bett ist für mich ein Symbol für die vorherige Lebensgeschichte, für alles, was er mitgebracht hat. Daran wird auch uns deutlich: Man kann die Krankheit nicht aus der Lebensgeschichte heraus isolieren. Zu unserer Lebensgeschichte gehört auch unsere Geschichte von Gesundheit und Krankheit. Und es gibt Lebensumstände und Lebensgeschichten, die direkt in bestimmte Krankheiten hineinführen. Das Bett repräsentiert die Geschichten, die dazu gehören, wenn Heilung und Veränderung thematisiert werden.

Das gilt auch für die Zeit nach der Krankheit. Das Bett steht auch für die Krankengeschichte. Der Geheilte soll dieses Bett mitnehmen, um seine Krankengeschichte in das weitere Leben zu integrieren. Gesund werden und gesund bleiben kann er nur, wenn er die Geschichte seiner Krankheit in sein weiteres Leben einbeziehen kann. Auch dazu verhilft das Gespräch. Aber auch viele andere kreative Formen der Beschäftigung mit Krankheit und Gesundheit. Menschen malen, arbeiten mit Ton oder integrieren in anderer kreativer Weise ihre Krankheitsgeschichten in ihr Leben.

Die Menschen sind entscheidend bei allen Bemühungen um Gesundheit und Krankheit in jedem Krankenhaus – und nicht die Apparate. Die Menschen! Die Menschen, die reden und zu verstehen helfen, die Menschen, die begleiten. Das sind z.B. die Angehörigen, die besuchen, die hinbringen und abholen. Das sind Freundinnen und Freunde. Sie alle helfen zum gesunden Leben.

Die Gemeinde Jesu Christi hat diese biblische Geschichte immer als eine Herausforderung an sich selbst verstanden. Sie war deshalb immer aufmerksam, wenn es um Krankheit und Gesundheit des Menschen ging. Und sie war bereit, Verantwortung für die Pflege und Behandlung von Menschen zu übernehmen. Denn es war ihr deutlich: Weil Jesus Christus sich Kranken zugewandt und Gottes Kraft als heilende Kraft für die Menschen gelebt hat, deshalb muss Gemeinde in der Nachfolge Jesu Christi sich auch um Kranke und um Heilung von Menschen kümmern!

An Christi statt und in der Nachfolge Christi machen wir Christinnen und Christen durch unsere Zuwendung zu den Kranken auch heute konkret erfahrbar: Krankheit trennt Menschen nicht von der Liebe und Gegenwart Gottes!

Kranke sind nicht von Gott bestrafte und von Gottes Reich ausgestoßene Menschen!

Die Geschichte von Jesu Heilung eines Kranken am Teich Bethesda verweist uns also auf die Seite der Kranken, damit wir sie nicht allein lassen unter den vielen, damit wir uns um ihren Leib und ihren Geist und ihre Seele kümmern und damit wir sie annehmen und begleiten mit ihrer ganzen Lebensgeschichte!

Dazu ermutige und stärke uns der gute und gegenwärtige Geist Gottes.

Amen

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