Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt... Ein Beitrag von Till Hüttenberger
Paul Gerhardt zum Geburtstag

Grafik Paul Gerhard

Kennen wir Paul Gerhardt und seine Lieder? Was für eine Frage! Wer kennt sie nicht: 'Geh aus mein Herz und suche Freud...', 'Befiehl du deine Wege' oder das Morgenlied 'Wach auf, mein Herz, und singe' und viele andere der 27 Lieder Paul Gerhardts, die ihren Weg in unser Gesangbuch gefunden haben? Nah scheint er zu sein, fast ein Zeitgenosse.

Und doch, seien wir ehrlich, manches ist heutigen Menschen fremd geworden. Manche Strophen seiner langen Lieder werden im Gottesdienst regelmäßig übersprungen. Seine drei ins Gesangbuch aufgenommenen Passionslieder bereiten heute nicht wenigen Menschen Kopfzerbrechen, wenn da in Jesu Angesicht gesungen wird: ‚Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit Plagen, so übel zugericht?... Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden des Sandes an dem Meer, die haben dir erreget, das Elend, das dich schläget und deiner schweren Martern Heer. Ich bin´s, ich sollte büßen an Händen und an Füßen, gebunden in der Höll, ..‘ (EG 84, Strophen 2-4) Paul Gerhardts Lieder: sie sind vertraut und fremd, freundlich und sperrig zugleich.

Die Lebenswege sind schnell erzählt: Geburt in Gräfenhainichen (Sachsen-Anhalt), Lateinschule in Grimma (bei Leipzig). Es folgt ein vierzehn Jahre langes Studium lutherischer Theologie in Wittenberg, nicht ungewöhnlich damals. Für den Lebensunterhalt arbeitet er viele Jahre als Hauslehrer in Wittenberg und Berlin, bis er endlich 1651 – mit 44 Jahren! – in Mittenwalde in der Mark Brandenburg die erste ersehnte Pfarrstelle antreten kann. Danach wirkt er in Berlin, das er 1668 nach Streit mit seinem Landesherrn, dem „Großen Kurfürsten“, verlassen muss. In seinen letzten Jahren lebt er als Pfarrer in Lübben im Spreewald. Er stirbt am 27. Mai 1676. Spät verheiratet, früh wieder Witwer; von fünf Kindern sterben vier im Kindbett. Ein unscheinbares Leben, das mit vielen Lebensläufen seiner Zeitgenossen vergleichbar ist.

Wie viele Pfarrer dieser Zeit dichtete Gerhardt, das gehörte zum Beruf. Ein Pfarrer war damals immer auch Verseschmied. Man tat dies zu allen möglichen Anlässen: Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, Festen. Auch viele Gedichte Gerhardts sind so entstanden. Dass sie nicht vergessen wurden, verdanken wir den Kantoren an St. Nicolai in Berlin, Johann Crüger und Johann Georg Ebeling. Sie komponierten für seine Verse beliebte Melodien, sammelten seine Gedichte und gaben sie in Büchern heraus. In der 10. Auflage der 'Praxis Pietatis Melica' von 1661, dem Berliner Gesangbuch Crügers, finden sich 90 Lieder Gerhardts. Johann Ebelings erste Gesamtausgabe 'Pauli Gerhardi Geistliche Andachten' von 1667 enthält 120 Lieder. Das sind praktisch alle bekannten Werke. Durch die beiden wurde Gerhardt berühmt. Ohne sie wären seine Gedichte irgendwo auf dem Speicher des Lübbener Pfarrhauses der Zeit, Mäusen und Motten zum Opfer gefallen.

Gerhardts Lieder haben Zeiten der Wertschätzung und Zeiten des Unverständnisses erfahren. Die Aufklärungszeit konnte mit ihm nichts anfangen. Für Friedrich II., den 'Großen', war ein Vers wie ‚Nun ruhen alle Wälder...‘ purer Unsinn. Denn Wälder ruhen nicht. Aber Aufklärer dichten auch nicht. Im neunzehnten Jahrhundert wurde er neu entdeckt und dann zum evangelischen Klassiker. Und heute? Wird es ihm wie vielen Klassikern ergehen: gefeiert und doch begraben? Das sei ferne! Mancher verborgene Schatz will noch gehoben werden, manch anderes reizt zur Auseinandersetzung. Es lohnt sich. Unbedingt.

Mit Gerhardt kehrte zum ersten Mal ein neuer, zarter Ton in die evangelische Kirche ein. Viele Lieder sind wie ein intimes Selbstgespräch der Seele - des Herzens - mit sich und ihrem Gott. ‚Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.‘ (EG 361, Strophe 1) Wer könnte ohne Schaden für seine Seele auf dieses Wort, wie auf viele andere tröstende und ermunternde Verse Gerhardts verzichten?

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