für den Monat Dezember
von Werner Beuschel

Im Dom zu Modena, eines der großartigsten mittelalterlichen Gotteshäuser Oberitaliens, findet man eine eigentümliche Krippenszene. Sie ist das Werk von Guido Mazzini, einem Künstler des 15. Jahrhunderts. Zu der lebensgroßen Figurengruppe aus Terrakotta gehört eine Magd, die beim Füttern des Kindes hilft. Mit aufgeblasenen Wangen kühlt sie gerade den Brei auf dem Löffel. Gleich wird sie ihn dem Jungen auf dem Schoß vom Maria reichen. Die heißt darum hier Madonna della pappa, die „Griesbrei-Maria“.

Mir gefällt diese Szene. Mir gefällt der Versuch, das Geheimnis der Weihnacht zu veranschaulichen. Bunt wie das Leben sind die Figuren, unverwechselbar die Gesichter, und Kinderpflege ist ein heiliger Vorgang. Überhaupt: wenn der Himmel zur Welt kommt, wenn Gott Mensch wird, wenn er die Welt so sehr geliebt hat, „dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle ... das ewige Leben haben“ (Johannes 3,16), dann darf diese Liebe auch Gegenliebe finden. Und warum sollte die nicht durch den Magen gehen? Auch durch einen göttlichen Kindermagen? Kirche und Küche reimen sich bestens.

Zugegeben: in den Weihnachtsgeschichten von Matthäus und Lukas findet sich kein Wort über eine fütternde Magd. So wenig wie Ochs und Esel erwähnt werden. Selbst ein Stall kommt nicht vor. Nur die dürre Zeile: sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. (Lukas 2,7) Auch die hartherzigen Herbergswirte, unverzichtbares Personal mancher Krippenspiele, zählen nicht zum Ensemble der Evangelisten.

Lassen wir der frommen Phantasie ihr Recht. Sie hat sehr gut begriffen, dass die Weihnachtsgeschichte darauf wartet, angereichert zu werden. Gerade weil sie in ihrem Kern eine ärmliche Geschichte ist. Erbärmlich sind die Umstände der Christgeburt: statt der Entbindung in vertrauter Umgebung eine Geburt in elendem Ambiente, statt einer Babywiege ein Tierfutterbehälter, und das alles wegen des Machtworts eines römischen Kaisers, der einen erst von Nazareth nach Bethlehem und dann von Pontius nach Pilatus schickt. Zugleich aber ist Gott in Aktion. Der ewige Gott, „den aller Welt Kreis nie beschloss“, wie es in einem alten Weihnachtslied heißt, liegt jetzt auf einmal „in Mariens Schoß“ Und das macht Weihnachten so reich. Das inspiriert die fromme Phantasie.

Die Weihnachtsgeschichte wartet also Gott sei Dank darauf, angereichert zu werden. Nicht nur mit Ochs und Esel. Nicht nur mit Herbergswirten und den mehr oder weniger gut erfundenen Personen so mancher Legende. Nicht nur mit einer Magd, die dampfenden Griesbrei auf dem Löffel pustend abkühlt. Sondern die Weihnachtsgeschichte wartet darauf, auch mit einem jeden von uns angereichert zu werden. Denn wir sind ja auch in diese einmalige Geschichte verstrickt: Christ ist erschienen, uns zu versühnen.

Der erste Schritt bedeutet Zuwendung. Zuwendung und Hingabe an einen von uns. Wie? Ich will es jetzt nicht mit einem italienischen Künstler des 15. Jahrhunderts, sondern mit einem deutschen Liederdichter des 17. Jahrhunderts (Paul Gerhardt) illustrieren: Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben; ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir’s wohlgefallen

Werner Beuschel

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