Ein Beitrag von Herbert Schimanski
Gedanken zur Jahreslosung 2005

Jesus Christus spricht: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Evangelium nach Lukas 22,32

Ich weiß, dass viele Menschen für sie beten, und das tue auch ich.“ Mit diesen Worten versuchte der Bundespräsident die Angehörigen der Opfer und der Vermissten der verheerende Flutkatastrophe in Südost-Asien zu trösten. Er betet dafür, dass die Menschen Kraft bekommen, die Zeit der Trauer und der Ungewissheit zu überstehen. Dass er und viele andere beten, tut gut.

Vielleicht ist es oft das Einzige, was wir angesichts der großen Katastrophen in der Welt und in unserem eigenen Leben tun können: Beten.

Not lehrt beten, sagen uns die Älteren und berufen sich dabei auf ihre Lebenserfahrungen. Fällt es uns darum manchmal so schwer zu beten, weil wir noch nie richtige Not kennengelernt haben? Sind wir es nicht vielmehr gewohnt, ohne Beten auszukommen? Wir wollen nicht mehr beten und bitten, sondern selber gestalten. Das gehört zu unserem Selbstverständnis als erwachsene aufgeklärte Menschen.

Beten scheint doch nur etwas für die zu sein, die mit ihrem Leben alleine nicht klar kommen, für die, die sich ein eigenständiges Leben nicht zutrauen. Und doch gibt es Situationen in unserem Leben, wo wir nicht mehr selber gestalten können. Wo uns scheinbar der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Wo wir uns die Antwort auf die Frage nach dem Sinn nicht selber geben können. Es können die großen Naturkatastrophen sein, oder die Katastrophen in unserem eigenen Leben: Der Schmerz über den Verlust eines lieben Menschen, die Erkenntnis, in der Erziehung versagt zu haben oder eine schwere Krankheit. Dann stehe ich vor dem Scherbenhaufen meiner Lebensplanung und weiß nicht mehr weiter. Ich spüre, dass meine Lebensstrategien nicht mehr greifen.

Wohl dem Menschen, der dann beten kann. Der sein Leben im Gebet überdenken kann, in Dankbarkeit für das, was ihm Gutes getan wurde, in der Trauer über das Verlorene und in der Hoffnung auf einen Neubeginn.

In meiner Arbeit im Krankenhaus erlebe ich das immer wieder. Menschen, die mit einem gewissen Stolz über ihre Lebensleistung reden und das unterstreichen mit dem Satz: „Mir ist nie etwas geschenkt worden. Alles habe ich mir hart erarbeiten müssen.“ Aber wenn wir gemeinsam auf das Leben zurückblicken, stellen wir immer wieder Ereignisse fest, die unserem Handeln entzogen waren. Da gibt es den Ehepartner, der Ja zu mir sagte, und schon so lange zu mir hält, der mich begleitet hat in guten wie in schweren Tagen, die Kinder und die Enkelkinder, die gesund sind und ordentliche Berufe haben. Doch, vieles ist mir geschenkt worden, was ich selber nicht gemacht habe und es doch meistens als selbstverständlich annehme.

Aus dem dankbaren Lebensrückblick und aus der Erkenntnis, dass ich nicht alles selber machen kann und muss, entsteht die Freiheit zum Beten. Für mich selbst und für die Anderen. Sogar Jesus hat für die Menschen gebetet, die ihn umgaben. Auch für den, der wie ein Fels in der Brandung stand: Simon Petrus. Und Petrus erinnert mich an den modernen Menschen: Er ist einer, der sich viel zutraut, der gerne seine Ängste, seine Zweifel und seine Hilflosigkeit überspielt. Für ihn betet Jesus, dass sein Glaube nicht aufhöre. Nicht der Glaube an sich selbst, sondern der Glaube, der trotz aller Angst, trotz aller Zweifel und Hilflosigkeit an Gott festhält.

Für diese Stärkung im Glauben zu beten, ist unsere Aufgabe.

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