Thema: Ökumene

Die Ökumene an der Basis lebt! Trotz aller Versuche von "oben", sie zu erschweren. Die kath. Hauptpfarrgemeinde und die ev. Christuskirchengemeinde haben für die kommenden Monate verschiedene Veranstaltungen geplant, um die ökumenischen Beziehungen zu vertiefen. Worum es dabei geht, erläutern Pfarrer Dr. Albert Damblon und Pfarrer Wolfgang Hess in einem Interview, das Veronika Beck führte.

Pfarrer Wolfgang Hess

Pfarrer Dr. Albert Damblon

Lieber Herr Damblon, lieber Herr Hess, Sie sind beide Priester/Pfarrer von christlichen Gemeinden, die sehr unterschiedlich sind, die andere Strukturen und eine andere christliche Sozialisation haben, die sich aber beide auf dasselbe Fundament, die Botschaft Jesu Christi, beziehen. Wie erleben Sie diese Situation? Ist sie für Sie eher normal, oder drängt es Sie nach Veränderung? Es ist eigentlich Beides. Auf der einen Seite ist diese Situation normal, so habe ich sie von Anfang an erlebt, dass wir nebeneinander unsere Arbeit gemacht und in den Gemeinden gelebt haben; auf der anderen Seite aber war und ist die Trennung der Kirchen, der Gemeinden immer auch ein Anstoß, ein theologisches Ärgernis für mich, so dass die Ökumene und das Bemühen, miteinander ins Gespräch zu kommen, miteinander Veränderungen anzustreben, mehr zusammenzurücken, von Anfang an für mich auch dazu gehört haben. Auch ich kann sagen, dass ich von meiner Lebensgeschichte her evangelisch und katholisch kenne. Hier bei uns stehen in unmittelbarer Nachbarschaft zwei Kirchtürme, die nichts miteinander zu tun haben, der Turm der Christuskirchengemeinde und dann unser Kirchturm. Das, meine ich, ist schon ein Ärgernis, dass es im Grunde zwei Räume gibt, in denen die Botschaft Jesu Christi gepredigt wird, aber doch zusammenhanglos in enger Nachbarschaft stehen.
Ich denke, so ganz ohne Zusammenhang stehen die beiden Gemeinden nicht nebeneinander. Wir haben immerhin seit der Jahrtausendwende die Praxis, dass wir den Beginn des neuen Kirchenjahres gemeinsam feiern. Ende der neunziger Jahre haben wir zum Reformationsfest parallele Beispiele sozialen und politischen Handelns in der Schwangerschafts-Konfliktberatung, der Flüchtlingsarbeit und in Arbeits-loseninitiativen vorgestellt, und seit vielen Jahren findet die ökumenische Kinderbibelwoche im Haus Zoar statt. Wie werden solche Annäherungen in den Gemeinden wahrgenommen? Sehr positiv! Die ökumenischen Kontakte mit der Hauptpfarre werden von der Gemeinde wahrgenommen als selbstverständliche, gewachsene Beziehungen zur katholischen Nachbargemeinde. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass man in den eigenen gemeindlichen Strukturen lebt. Man freut sich, wenn man zu Gast ist in der katholischen Gemeinde oder wenn die katholische Gemeinde bei uns zu Gast ist, aber dass die Menschen von sich aus den Schritt machen und wirklich genau hinsehen und hinhören: was tut der andere und was tut er nicht, und warum ist das so? – das ist manchmal etwas beschwerlich. Da braucht es Anstöße, da braucht es auch Steuerung durch die Gemeindeleitung, glaube ich. Als Neuling in der Hauptpfarre bin ich mir nicht sicher, wie es wahrgenommen wird. Ich weiß auf jeden Fall, dass der gemeinsame Beginn des neuen Kirchenjahres und die Kinderbibelwoche wichtige Akzente sind. Ich kann mir denken, dass die Beispiele sozialen und politischen Handelns ein praktisches Beispiel gelebter Ökumene sind. Ökumene tut sich auf diakonischem Gebiet immer etwas leichter, weil es ums Tun geht und das Wort und die Lehre im Hintergrund stehen. Aber ich glaube, es ist beiden Gemeinden klar, dass sie gerade auch in der jetzigen Zeit gefordert sind, diakonisch zu handeln.
Nun sind ja die Ideen für die Zusammenarbeit meist von den Gemeindeleitungen entwickelt. Wie kommt das bei den Gemeindemitgliedern an? Fühlen sie sich genügend berücksichtigt und eingebunden mit ihren Vorstellungen? Das ist bei uns ähnlich. Wichtig scheint mir zu sein, dass Presbyterium und Gemeinde noch intensiver als bisher in die ökumenische Zusammenarbeit einbezogen werden. Die Zusammenarbeit im Arbeitskreis Asyl ist ein Beispiel dafür; auch die gemeinsamen Sitzungen von Pfarrgemeinderat und Presbyterium. Wir haben Gottesdienste verabredet, zu denen wir uns gegenseitig einladen wollen. Und es sind gemeinsame Gemeindeveranstaltungen geplant, die ermöglichen sollen, dass beide Gemeinden sich begegnen und zusammenwachsen. Ich habe den Eindruck, bei uns in der Gemeinde St. Mariae Himmelfahrt werden zwar manche Ideen von den Gemeindeleitungen entwickelt, aber sie sind abgesprochen und abgestimmt mit den Gremien, mit Pfarrgemeinderat, mit Leitungsteam. In meiner Zeit, in der ich da bin, wüsste ich nichts, was nicht durch diese Gremien gegangen ist.
In dieser Hinsicht trifft es sich ja gut, dass wir jetzt gemeinsam die „Ökumenischen Impulse“ veranstalten, die im Oktober/November im Haus Zoar stattfinden (s.Info-Kasten.) Gibt es andere Bereiche, in denen die ökumenische Zusammenarbeit beider Gemeinden weiter gefördert werden sollte? Das ist das Ziel unserer Bemühungen in den kommenden Monaten. Und dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit dem Thema „Eucharistie/Abendmahl“. Ein schwieriges Thema, aber ein wichtiges: zu erfahren, wie der jeweils Andere die Eucharistie/das Abendmahl feiert, welche Bedeutungen damit verbunden sind, vielleicht auch verstehen zu lernen, warum es nicht sofort möglich ist, eucharistische Gemeinschaft zu haben. Was Pfarrer Hess schon angesprochen hat: obwohl wir alle uns Ökumene wünschen, habe ich den Eindruck, dass wir uns noch gar nicht so gut kennen. Selbst ich brauche Informationen, wie ein evangelischer Gottesdienst abläuft, weil ich einfach darin nicht zuhause bin und einiges deshalb nicht verstehe. Ich vermute einmal, dass das umgekehrt auch der Fall ist. Deshalb finde ich die „Ökumenischen Impulse“ so sinnvoll und auch die grundsätzliche Einladung, dass evangelische Christen an katholischen Gottesdiensten teilnehmen oder auch umgekehrt, damit wir durch besseres Kennenlernen näher zusammen rücken.
Das ist sicherlich ein starkes Hindernis in der Zusammenarbeit der Gemeinden, die noch nicht verwirklichte Tischgemeinschaft. Gibt es andere Hindernisse für die Zusammenarbeit? Es gibt liebgewordene Traditionen. Z.B. den Gottesdienst in der Christuskirche. Es fällt manchem schwer, sich vorzustellen, der Einladung der kath. Nachbargemeinde zu folgen und den Gottesdienst in der Münsterkirche statt in der Chris-tuskirche zu feiern. Das muss ich respektieren. Ich hoffe aber, dass die Gemeinde mitzieht, weil sie das Ziel, die ökumenische Partnerschaft zu stärken, unterstützen will. Ich bin sicher, dass wir erfahren werden, dass die gemeinsamen Gottesdienste ob in der Christuskirche oder der Münsterkirche erbauend und bereichernd sind. Ich sehe es einmal von ganz oben: Manche päpstliche Verlautbarung erschwert die Zusammenarbeit. Ich habe hier erlebt, wie wir uns bemühen zu verstehen, was der Papst meint. Wir haben nicht grundsätzlich gesagt: alles, was von Rom kommt, interessiert uns sowieso nicht. Das ist ein Hindernis von oben, aber es gibt auch Hindernisse von ganz unten, aus unseren Gemeinden. Ja, es ist manchmal schwer für Menschen, die einen katholischen Gottesdienst gewohnt sind, sich auf einen ökumenischen Gottesdienst einzulassen. Ich vermute dieses Hindernis auch bei den evangelischen Christen.
Wie stellen Sie sich das zukünftige Leben in der evangelischen Christuskirchengemeinde und in der Hauptpfarre St. Mariae Himmelfahrt vor? Für meine Vision von Ökumene ist das Bild von dem einen lebendigen Haus, das für die christlichen Kirchen steht, mit den vielen Wohnungen, in denen die verschiedenen Konfessionen ihren Raum haben, leitend. Mein Traum ist, dass es uns wirklich gelingt, dieses Bewusstsein gemeinsam zu entwickeln, dass wir eins sind, dass wir in einem Haus wohnen, dass wir eine Aufgabe haben in dieser Stadt und dass wir auch mit einer Stimme sprechen, aber gleichzeitig unsere jeweiligen Traditionen, die wichtig sind, die auch Heimat sind für viele Menschen, bewahren und weiter entwickeln können. Ich vermute, dass beide Gemeinden ärmer werden, weil Kirche insgesamt ärmer wird. Wenn von dieser Armut etwas ausgehen muss, dann hoffentlich, dass wir zusammenwachsen und uns gegenseitig stärken. Es wäre ein Wunsch von mir, dass die Brücke von der Hauptpfarrkirche zum Kapuzinerplatz auf Dauer stärker geschlagen wird.
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