Ein Beitrag von Dietrich Denker
350 Sekunden für eine Theologie des Heiligen Geistes
Die Lehre vom Heiligen Geist ist die erfahrungsbezogenste Disziplin der Systematischen Theologie, denn der Heilige Geist durchwirkt alles Leben und allen Glauben.
Schon die Schöpfung spricht vom Geist Gottes, von der „ruach“. „Ruach“ ist vieldeutig und kann mit Wind, Kraft, Odem und Geist übersetzt werden. Im Hebräischen ist „ruach“ ein weiblicher Begriff. Die „ruach“ wird dem Geschöpf eingehaucht und macht es lebendig. D.h. im Geist Gottes „leben, weben und sind wir.“ Und „keinem von uns ist Gott fern“. So sagt es Paulus in seiner berühmten Rede auf dem Areopag. Also: Der Geist Gottes oder besser: die Geistin, (wie die Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache mit Recht sagen kann) ist in allem was lebt. Als Geistin, die nicht nur Leben schafft sondern auch verständig macht, ist sie so etwas wie ein Rudiment Gottes in allen Menschen. Vom Geist des Schöpfers beseelt lebt der Mensch. Er kann denken, lieben, Leben schenken und das Leben (das eigene und das des Nächsten) lebenswert machen. Von daher ist jedem Menschen eine ganz besondere Würde eigen, die zu achten und durch Menschenrechte weltweit zu schützen ist.
Der Geist Gottes ist aber noch mehr, als wir schöpfungstheologisch für das Leben aller Menschen von ihm aussagen können: Der Geist Gottes bemächtigt sich in besonderer Weise auch einzelner Menschen. Er setzt diese dann in eine außerordentlich enge Beziehung zu Gott. In dieser Form ist er kein Allgemeingut aller Menschen. In Israel waren es Mose, die Richter, die Propheten, der König oder auch so sagenhafte Gestalten wie Abraham, Isaak und Jakob, denen Gott in besonderer Weise seinen Geist geschenkt hat. Sie hatten den Auftrag, Gottes Hilfe oder Gottes Versöhnung und (in der Folge dieser Versöhnung) auch Gottes Bund mit den Menschen konkret werden zu lassen in der Geschichte ihrer Familien bzw. ihres Volkes. Durch den Geist Gottes wurden sie zu Mittlern zwischen den Welten. Sie ließen die besondere Kraft des Himmels wirkmächtig werden in der Welt. Durch sie wurden die Menschen (insbesondere das Volk Israel) gesegnet, wieder in Gottes Nähe zurückgebracht und zu neuem Gottvertrauen ermutigt. Durch sie kam Gottes Hilfe und Heil zu den Menschen. In diesen „Geistträgern des alten Bundes“ hat Gottes Liebe und Fürsorge für die Seinen Gestalt angenommen.
Jesus war der letzte dieser „Geistträger“. In seiner Taufe wird uns erzählt, wie sich der Geist Gottes seiner bemächtigt. Nun jedoch in einer Kraft und Vollmacht, die völlig ungehindert wirken kann. Die „Geistträger des alten Bundes“ waren immer auch Menschen, die durch ihre eigenen Grenzen und ihre Sündhaftigkeit das Wirken des Geistes gedämpft haben. Bei Jesus ist das anders. In ihm und durch ihn kommt die Kraft des Geistes Gottes völlig ungedämpft zum Vorschein. Im Neuen Testament wird diese Kraft dann auch meistens „Heiliger Geist“ genannt. Im Leben Jesu wird der Geist Gottes in vollendeter Form in der Welt sichtbar. Er bewirkt Glaubenskraft, Liebe, Besonnenheit, Versöhnung und am Ende sogar den Sieg über den Tod und das Geschenk ewigen Lebens. In Jesus sieht man Gott. Gottes unbändige Lebenskraft und Liebesmacht wird geerdet. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, sagt Jesus. Himmlische Welt und irdische Welt berühren einander im Geistträger Christus in einer Klarheit und Reinheit, wie man es vorher nicht gekannt hat. In Jesus kommt Gott selbst und sein Heiliger Geist vollkommen zur Welt. Damit ist der theologische Grund der trinitarischen Rede von Gott (Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist) gesetzt.
Zuletzt wird dann der Heilige Geist zu einer Gottesgabe, die allen zuteil wird, die an Jesus glauben. Die Pfingstgeschichte erzählt davon.
Christen erhalten ein besonderes „Stück des Himmels“ geschenkt. Über das allen Menschen eigene Geschenk des Lebens und über die Gegenwart des Geistes Gottes in einzelnen Geistträgern hinaus ist der Heilige Geist eine Gottesgabe, die man als ein Angeld oder einen Vorschuss auf das ewige Leben begreifen kann. Durch den Empfang des Heiligen Geistes erhalten die Glaubenden „Anteil an Gott“. Dieser Anteil wohnt jetzt schon in ihnen und wird in Ewigkeit bleiben.
Will man den Heiligen Geist beschreiben, kann man dies nur anhand seiner Früchte tun: Glaube, Hoffnung, Liebe, Trost, Erkenntnis Gottes und weitere ganz praktische Dinge gehören dazu. Paulus listet diese Früchte des Geistes im Galaterbrief auf: „... Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, ....“(Gal. 5,22f) Er fordert die Gemeinden Galatiens auf: „Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.“ In dieser Geistesgemeinschaft der Glaubenden begründet sich die Gemeinschaft der Kirche. Es ist die von Gott geschenkte und gestiftete Gemeinschaft aller Geistträgerinnen und Geistträger. Es ist die Gemeinschaft all derer, die sich zu Jesus als ihrem Herrn bekennen. Pfingsten wird deshalb auch als Geburtstag der Kirche bezeichnet. Kirche, das sind die Schwestern und Brüder im Heiligen Geist.
Zur jungen Kirche gehörten besondere Geistesgaben, die wir aus dem Leben Jesu bereits kennen. Die Kraft zur Wunderheilung und die Prophetie, zum Beispiel. Auch die Gaben der Lehre und der Diakonie gehören zu diesen Geistesgaben. Selbst die „Zungenrede“ (so etwas wie die „Sprache des Himmels“), die den meisten Menschen wie Gelalle vorkommt, hat ihren Ort in den Gemeinden.
Die wohl entscheidende und durch die Jahrtausende der Kirche hindurch wichtigste Geistesgabe ist der Glaube selbst. Erst durch den Glauben an das Zeugnis der Bibel wird dieses Zeugnis für den Einzelnen zur guten Nachricht, also zum Evangelium, das bis heute die Versöhnung der Menschen mit Gott und der Menschen untereinander predigt und wirkt.
Deshalb sagt unser Katechismus in Frage 21:
Was ist wahrer Glaube?
Wahrer Glaube ist (...) ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt, dass nicht allein anderen, sondern auch mir Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt ist, aus lauter Gnade, allein um des Verdienstes Christi willen.
Dem Wirken des Geistes Gottes im Leben Raum geben, das ist die vornehmste Aufgabe der weltweiten Christenheit. In der pfingstlichen Weite der ökumenischen Gemeinschaft aller Christen, im Dienst am Nächsten und doch auch im Gottesdienst und im Gebet kann jeder und jede ganz persönlich dieser Aufgabe nachgehen. |