Andacht Oktober 2018

Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen. (Psalm 38,10)

Manchmal ist es für mich der stärkste Moment im Gottesdienst. Ein Augenblick voll Leidenschaft und Herzblut. Oft nur eine Minute kurz. Kein Ton erklingt in dieser Phase und kein Wort kommt irgendeinem über die Lippen. Aber die Worte, die jetzt gesprochen werden, sind häufig eindringlicher als die abgelesenen und vorgetragenen Gebete, die sonst im Gottesdienst zu hören sind. Denn die Worte, die in diesem Moment direkt aus dem Herzen kommen, spricht jeder und jede in der Stille. Und diese Gebetsstille ist so konzentriert, dass man die berühmte Stecknadel fallen hören kann. Die vielen Worte, die auf der Zunge liegen bleiben, schließe ich dann jedes Mal ab mit dem Gebetsruf: "Gott, du hörst uns. Erhöre unser Gebet!"

Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen. So ruft es ein Beter im alten Israel, der arg bedrängt ist. Er weiß nicht mehr ein noch aus. Aber er weiß, wohin mit seiner Bedrängnis und seiner Klage. Und spricht das aus, was immer noch in verschiedenen Variationen zu hören ist, oft nur still oder allenfalls leise: beim Arzt, der einem die Diagnose eröffnet; im Büro, bevor es zum Gespräch beim Chef geht; spätabends vor der Klassenarbeit, für die man sich nur mäßig vorbereitet fühlt.

Wichtig ist, dass einem die Worte bleiben. Um das Sehnen und Seufzen auch fassen zu können.  Und um es dorthin zu bringen, wo es Gehör findet. Erich Kästner erzählt in seinem Roman ‚Das doppelte Lottchen‘,  wie die Zwillinge ihre getrennt lebenden Eltern wieder zusammengebracht haben. Und die bereden nun hinter verschlossener Tür, ob und wie sie dem Herzensanliegen ihrer Mädchen entsprechen können, nämlich wieder als Paar und damit als Familie zusammenzuleben. Vor der Tür stehen die Kinder mit Herzklopfen, und eines sagt zum  anderen: ‚Wenn wir jetzt doch beten könnten!‘. Aber so richtig fehlen ihnen die Worte. Ein Gebet fällt ihnen doch noch ein: ‚Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!“ Das wirkt verzweifelt, vielleicht auch tragikomisch. Aber immerhin bleiben die Zwillinge in ihrer Not und mit ihrem unbändigen Wunsch nicht stumm. Ein kleines Reservoir an Herzensgebeten tut gut und kann einen ein Leben lang tragen. Weil mit diesen Gebeten zugleich die Gewissheit verbunden ist: Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.

Pfarrer Werner Beuschel