Studienreise nach Leipzig
Auf den Spuren der Einheit

Reisegruppe in Leibzig
Die Reisegruppe in Leipzig

46 unternehmungslustige Reisende treten am 06. September 2005 unter Leitung von Pfarrer Albrecht Bierei eine Fahrt nach Leipzig an. Nach einem zweistündigen Zwischenaufenthalt in Weimar nimmt uns abends in Leipzig das gastliche Mercure-Hotel am Augustusplatz auf. Das Hotel liegt am östlichen Eingang zur Altstadt und ist somit idealer Ausgangspunkt für unsere Streifzüge durch Leipzig.

Erste Eindrücke von der Schönheit der Stadt, ihrer Entstehung und wechselvollen Geschichte vermitteln zwei Stadtführer. Wir sind beeindruckt von dem quirligen Leben in den Straßen, den überdachten historischen Durchgangsmessepassagen und anheimelnden Innenhöfen. Uns stockt fast der Atem angesichts des prachtvoll restaurierten Innenraumes der Nikolai-Kirche. Die Augen können sich nicht satt sehen. „Te decet hymnus deus“ (Dir, Gott, gebührt der Lobgesang) steht an der Orgelempore der berühmten Ladegast-Orgel. Die 1165 gegründete Nikolaikirche ist das älteste Gebäude der Stadt und war 1989 Schauplatz der Montagsgebete. Die Kirche war Keimzelle des Aufbruchs und der unblutigen Wende.

Wie ganz anders lief 176 Jahre früher, im Jahre 1813, in der Leipziger Südstadt eine andere Wende ab, als in einer Massenschlacht ohnegleichen Napoleon eine vernichtende Niederlage erfuhr. Über 120.000 Menschen ließen ihr Leben. Als ewiges Mahnmal wurde 1913 das 91 m hohe trutzige Völkerschlachtdenkmal errichtet.

Leipzig ist schön. Aber erst von der 31. Etage des City-Hochhauses am Augustusplatz offenbart sich die ganze Schönheit der Universitätsstadt. Vor uns ausgebreitet liegen die regelmäßigen Gevierte der Wohn- und Geschäftsblöcke, der Plätze und singulären sakralen und kommunalen Bauten. Wir erkennen, wie selbstbewusst die Bürger in früheren Jahrhunderten der übrigen Welt den hohen Stand ihrer Kultur gezeigt haben. Deutlich sind von unserer luftigen Warte aus das Alte und das Neue Rathaus, die Thomaskirche, die Nikolaikirche, das Zentralstadion, der Naschmarkt, die Alte Börse und der wegen seiner eleganten Inneneinrichtung in Deutschland einzigartige Kopfbahnhof auszumachen. Uns wird auch klar, dass Leipzig überraschend viele Grünanlagen besitzt. Im Westen schmiegt sich die Elsteraue als breites Naherholungsband um die Kernstadt.

Abends schwärmen wir aus in das Altstadtgassenlabyrinth, lassen uns in Auerbachs Keller, im Barthelshof und in dem von Touristen dicht bevölkerten Barfußgässchen mit sächsischen Spezialitäten verwöhnen. Wer das Glück hat, Karten zu ergattern, darf im Gewandhaus einem Konzert unter dem neuen Kapellmeister Riccardo Chailly beiwohnen. Labsal für die Seele ist eine Orgelvesper in der Thomaskirche.

Aus der weitgespannten Niederung der Leipziger Tieflandsbucht streben wir hinaus in das Naumburger Triasland und in die die Hansestadt Halle flankierenden Städtchen Merseburg, Bad Lauchstädt und Eisleben. Welch ein Unterschied zur dynamischen Metropole Leipzig! Bad Lauchstädt schlummert im Dornröschenschlaf und träumt von seiner ehemaligen balneologischen und kulturellen Vergangenheit (Goethetheater !), die nie mehr wiederkehren wird. Die beherrschende Dominante von Merseburg an der Saale ist der Pfalzhügel mit Dom und Schloß. Eine Domführung beeindruckt uns wegen der frühromanischen Krypta und der spätgotischen Langhaushalle sowie der prachtvollen Ausstattung (barocker Orgelprospekt und Hochaltar, romanisches Taufbecken, Chorgestühl mit geschnitzten Szenen aus dem Alten und Neuen Testament, geschnitzte Kanzel, Epitaphien und vieles mehr). Diese Schätze hätten wir nicht vermutet. Merseburg wurde im zweiten Weltkrieg stark zerstört. Die Schäden sind noch nicht alle behoben. Die Stadt ist, wie auch Naumburg, Hauptwohnort für die Chemiearbeiter der Leuna- und Bunawerke.
Bevor wir im Naumburger Dom im Westchor der weltberühmten Markgräfin Uta und ihrem Gemahl Ekkehard ins Gesicht sehen können, müssen wir erst einem längeren, aber nicht weniger lohnenswerten Rundgang durch Vorhalle, Mittelschiff und Ostchor anschließen. Neben Uta und Ekkehard stehen im Westchor noch zehn weitere Stifterfiguren, alle aus dem 13. Jahrhundert. Ihr Schöpfer ist unbekannt und wird einfach als „Naumburger Meister“ bezeichnet. Sein Stil ist einzigartig und unverkennbar. Dass er im Westchor adelige Laien verewigte, nahm ihm die damalige Geistlichkeit übel und brandmarkte ihn als „Ketzer von Naumburg“. Vielleicht blieb deshalb sein Name unbekannt. Früher war Naumburg eine wichtige Messe- und Handelsstadt, wurde aber dann von Leipzig überflügelt.

Was wäre die alte Bergbaustadt Eisleben heute ohne ihre Lutherdenkmäler? Der 800 Jahre lang betriebene Kupferschieferbergbau zwischen Eisleben und Mansfeld, durch den Martin Luthers Vater Hans Arbeit und Brot fand, erlosch 1990. Zigtausende Bergleute wurden arbeitslos. Für diese strukturarme Gegend war das eine regelrechte Katastrophe. Heute erinnern nur noch spitzkegelförmige Halden an die ehemalige Bergbauherrlichkeit.
Martin Luther wurde 1483 in Eisleben geboren und starb dort im eisigen Februar des Jahres 1546 im Alter von fast 63 Jahren. Sein Geburts- und Sterbehaus sind museale Stätten erster Ordnung. Eisleben und Wittenberg wurden 1996 in die Liste des Weltkulturerbes der Unesco aufgenommen. Das Ensemble der Eislebener Luther-Gedenkstätten soll bis 2007 zu einem „Lutherzentrum“ ausgebaut werden. Im Geburtshaus bewundern wir die aus 106 Bänden bestehende „Weimarana“. Hier sind die gesamten Reden, Predigten, Aufsätze und Schriften Luthers vereinigt. Fürwahr ein Mammutwerk, das erst 1983 vollendet werden konnte. Im Chor der St. Peter und Paul-Kirche wird der nicht mehr in ursprünglicher Form erhaltene Taufstein gezeigt, in welchem der kleine Martin einen Tag nach seiner Geburt (11. November 1483) – Martinstag) getauft wurde. In der Marktkirche St. Andreas nahm Luther seine letzten geistlichen Amtshandlungen wahr. Seine letzte Predigt am 15. Februar 1546 auf der heute noch erhaltenen Kanzel konnte er wegen eines Schwächeanfalls nicht beenden. In der Nacht vom 17. zum 18. Februar erlag er einem Anfall von Angina pectoris. In der Andreaskirche singen wir drei Strophen aus Luthers Reformationslied „Ein feste Burg ist unser Gott“ und betrachten wenig später gegenüber im Sterbehaus andachtsvoll das noch erhaltene Bahrtuch von seinem Sarg und seine aus Gips bestehende Kopie der Totenmaske. Auch von seinen Händen wurden Abdrücke gemacht. Erschüttert starre ich auf die mit Gichtknoten übersäten Handflächen.

Die Marktkirche „Unser Lieben Frauen“ in Halle ist die letzte Station unserer Studienreise. Welch eine historische Stätte! Hier hat Martin Luther dreimal gepredigt, wurde Georg Friedrich Händel getauft und erhielt später Orgelunterricht und hat Johann Sebastian Bach die große Cuntius-Orgel eingeweiht. Das lichtdurchflutete farbenfrohe Mittelschiff mit einem Altarbild aus der Werkstatt des Lucas Cranach d.Ä. an der östlichen Stirnwand ist eine besondere Augenweide. Welche Schätze! Uns aber zieht es in die Sakristei, wo wir einen besonderen Schatz betrachten dürfen: die aus Bienenwachs bestehende originale Totenmaske Martin Luthers, die man ihm hier auf dem Wege der Überführung von Eisleben nach Wittenberg abgenommen hatte.

Für den nächsten Tag, Sonntag den 11.09.05, ist die Abreise angesetzt. Wir nehmen noch die Gelegenheit wahr, am Gottesdienst, wahlweise in der Thomas- oder Nikolaikirche, teilzunehmen. Die Thomaskirche feiert gerade ihren Gemeindetag. Aus diesem feierlichen Anlass tritt der Thomanerchor, dirigiert vom Thomaskantor Georg Christoph Biller, auf. Der Thomanerchor besteht seit dem 13. Jahrhundert in fast ununterbrochener Tradition.
Während der mehrstündigen Heimfahrt haben wir reichlich Gelegenheit, die vielen Eindrücke der letzten Tage zu überdenken und zu werten. Ohne die 1990 vollzogene Wende wäre diese Reise nicht möglich gewesen. Ohne die Einheit wäre das Schicksal vieler Kulturbauten, Gedenkstätten und der überragenden Kunstschätze noch sehr ungewiss. Vieles konnte inzwischen erhalten werden. Vieles bleibt noch zu tun.

Brigitte und Albrecht Bierei gilt ein ganz besonderer Dank für die Anregung und Durchführung dieser Fahrt sowie die liebevolle Betreuung.

Dr. Claus-Dieter Clausen

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