Ein Beitrag von Lothar Beckers
Aufbau und Expansion der Gemeinde unter
Pfarrer Hermann Otto Zillessen

1835 wählte die nach neuer Kirchenordnung konstituierte "Größere Gemeindevertretung" der Evangelischen Gemeinde Gladbach den 24jährigen Theologen Otto Zillessen zu ihrem Pfarrer. In seiner fünfzigjährigen Amtszeit wurde er zur prägenden Kraft der Gladbacher Protestanten.

In der Zeit des Wachstums der Stadt zu einem Industriezentrum mit allen damit verbundenen sozialen Problemen hat er "mit klarem und weitem Blick gesehen, was für die Gemeinde not tat, und auch mit festem Willen das für notwendig Erachtete großzügig durchgesetzt... Was er für die Gemeinde geleistet hat, soll in der Geschichte der Gemeinde unvergessen bleiben." (Einführungsbuch der Ev. Kgm. Gladbach,1929)

Otto Zillessen war am 31.10.1811 als siebtes von neun Kindern des Jüchener und späteren Wickrathberger Pfarrers Adam Eberhard Zillessen geboren worden. Seine Studienjahre verbrachte er in Berlin und Bonn. Zu seinen Lehrern gehörten u.a. mit Schleiermacher, Neander, Nitzsch, Sack und Augusti führende Theologen seiner Zeit. Sein Pfarramt in Gladbach trat er am 29.8.1835 mit einer Predigt über 1.Kor.3, 11 an. Die Amtseinführung nahm sein Vater, der amtierende Superintendent des Kirchenkreises, vor.

Bereits  in den ersten Jahren seiner Amtszeit hatte sich die Zahl der Gemeindeglieder bis zum Jahre 1840 auf 1437 ( 15,6% der Bevölkerung) erhöht. Die 1684 fertiggestellte alte Kirche auf dem Fliescherberg ("Hondsberg") war baufällig und viel zu klein geworden.

Schon 1817 hatte der Magistrat der Stadt mit ausdrücklicher Zustimmung der katholischen Mehrheit den Platz der früheren Kapuzinerkirche als Bauplatz für eine neue evangelische Kirche zur Verfügung gestellt. Bauplan und Kostenvoranschlag waren seit 1819 fertiggestellt; doch erst unter Zillessen wurde das Projekt "Kirchenneubau" energisch in Angriff genommen.

Seine außerordentlichen Fähigkeiten auf dem Gebiet von Organisation und Verwaltung, sowie die tatkräftige Unterstützung vor allem durch die Kirchmeister Quirin Croon (1842-43) und dessen Bruder Theodor Croon (1843-1853), kamen Zillessen dabei zugute. Eine Sammlung im Jahre 1839 ergab die enorme Summe von 8.702 Talern für den Neubau. Zillessen und Quirin Croon konnten bei einer Audienz in Berlin den preußischen König für die Kirchbaupläne interessieren, der 1845 an der Grundsteinlegung teilnahm und die Baupläne eigenhändig durch seinen Vorschlag, einen frei stehenden Turm (Campanile) anzubauen, änderte. Hungersnöte in den Mißerntejahren 1846 und 1847, die Revolution von 1848, sowie Gerichtsprozesse im Umfeld der Bauarbeiten verzögerten die Fertigstellung der neuen Kirche, so dass erst 1852 die heutige Christuskirche eingeweiht werden konnte.

Zillessen stand in seiner Amtszeit vor einer Fülle von Problemen und Nöten, die er gemeinsam mit dem Presbyterium, der "Größeren Gemeindevertretung" und der Gesamtgemeinde zu lösen versuchte. Vor allem die mit dem schnellen wirtschaftlichen und sozialen Wandel einhergehenden Verarmungs- und Verelendungstendenzen, die ihre Spuren auch innerhalb der Gemeinde hinterließen, die überwiegend aus Fabrikarbeitern und Fabrikarbeiterinnen bestand, forderten zu zahlreichen Neuerungen heraus.

Manche von ihnen haben bis heute Bestand. In einer Zeit, in der die Festigung protestantischer Identität in einer überwiegend katholischen Stadt, zentrale Bedeutung hatte, (Problem der Behandlung der Mischehen und der daraus hervorgegangenen Kinder durch die katholische Kirche!), förderten Zillessen und Quirin Croon den Auf- und Ausbau des evangelischen Schulwesens in der Stadt. Die Gemeinde errichtete mehrere Kleinkinderschulen (Kinder bis 5 Jahren), mehrere Elementarschulen und höhere Bürgerschulen für Jungen und Mädchen. Sie finanzierte das Lehrpersonal und stellte Wohnungen für die Lehrer bereit. Ein Armenhaus wurde ebenso errichtet wie ein Kranken- und Waisenhaus ( aus dem das heutige Krankenhaus Bethesda hervorgegangen ist). Zahlreiche Vereine wurden gegründet: Frauenverein 1846, Jünglingsverein 1851, Tabea-Verein 1860, Jungfrauenverein, später Ev. Mädchenverein 1861, Missionsverein Haus Zoar 1864, Gustav-Adolf-Verein 1877. Der noch heute bestehende evangelische Friedhof an der Viersener Straße wurde 1854 errichtet und 1862 erweitert. Zwei Kaiserswerther Diakonissen wurden als Gemeindeschwestern eingestellt (1862, 1876). Gemeinsam mit seinem Freund Carl Barthold (Mitglied des Presbyteriums) gründete Zillessen die Anstalt "Hephata". Ein Vereinshaus mit Gesellenherberge (1873, das heutige "Haus Bungeroth"), "Haus Zoar" als Kosthaus für alleinstehende Fabrikarbeiterinnen (1874), ein Katechesierhaus (1878) und ein Betsaal in der Margarethenstraße wurden errichtet.

Zillessen war von 1872 bis 1885 Superintendent des Kirchenkreises Gladbach. Er gehörte zur Leitung der Rheinischen Provinzialsynode und war Mitglied der preußischen Generalsynode. Vier Tage nach der Feier seines fünfzigjährigen Amts- und Dienstjubiläums stirbt er am 8.11.1885 und wird unter großer Anteilnahme beigesetzt.

Seine Zeitgenossen heben an ihm besonders seinen unbeirrbaren Sinn für soziale Gerechtigkeit,. seine Toleranz gegenüber Andersdenkenden, sein Eintreten für bürgerliche Freiheitsrechte, seine Kontaktfreudigkeit, die ihm den Zugang bis in höchste Regierungskreise eröffnete und seinen Sinn für Humor und geselligen Umgang mit Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten hervor. Seine menschliche Wärme und Herzlichkeit entsprangen seiner demütigen und ehrfürchtigen Liebe zu Gott.

Am Reformationstag , dem 31.10.1989, wurde einem Gemeindezentrum in Holt der Name "Otto-Zillessen-Haus" gegeben.

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