Ein Beitrag von Lothar Beckers
Der Heidelberger Katechismus

Vielen unserer Gemeindeglieder der mittleren und älteren Generation wird es beim Stichwort „Heidelberger Katechismus“ ähnlich gehen wie dem niederländischen Schriftsteller Maarten t´Hart. In seinem 2008 in deutscher Sprache erschienenen autobiographischen Roman „Der Flieger“ erinnert er sich an seine Konfirmandenzeit in den fünfziger Jahren. Im ersten Konfirmandenjahr musste eine vereinfachte Form des Heidelberger Katechismus mit 74 Fragen und 74 dazu passenden Antworten auswendig gelernt werden. Im zweiten Jahr wurden die 129 Fragen und Antworten des Heidelberger Katechismus, die sich auf die 52 Sonntage des Kirchenjahres bezogen, auswendig gelernt. Jede Woche nahm der reformierte Pfarrer mit seinen Konfirmanden einen Sonntag des Katechismus durch. Bei der Konfirmation wurden den Konfirmanden Fragen aus dem Katechismus gestellt, die sie entsprechend beantworten mussten.

Ursprünglich war der Heidelberger Katechismus der Landeskatechismus der Kurpfalz. Die Heidelberger Theologen Zacharias Ursinus und Caspar Olevianus hatten das Werk auf Veranlassung und unter Mitwirkung des Kurfürsten Friedrich III. in deutscher Sprache und lateinischer Übersetzung für die Schulen verfasst. Ursinus, der Professor für Dogmatik in Heidelberg war, stützte sich bei seinen theologischen Vorarbeiten auf Materialsammlungen seines Lehrers Philipp Melanchthon, auf Bekenntnisse und Lehrschriften seiner Zeit, z.B. Calvins 1536 erschienene „Institutio“ (dt. Unterricht in der christlichen Religion), sowie auf frühere evangelische, besonders reformierte Katechismen, vor allem auf den 1537 erschienenen Genfer Katechismus Calvins.

Die Endfassung des Heidelberger Katechismus vom April 1563 enthält die bis heute gültige Gliederung in drei Teile mit 129 Fragen und Antworten von des Menschen Elend, Erlösung und Dankbarkeit. In seiner systematischen Gestaltung unterscheidet sich der Heidelberger Katechismus vom im Luthertum verwendeten „Kleinen Katechismus“ (Enchiridion) Martin Luthers von 1529. Lutherische Theologen haben den Heidelberger Katechismus wegen seiner Anlehnung an Calvin heftig befehdet. Zur katholischen Seite hin wurde eine scharfe Abgrenzung vollzogen, die vor allem in der 80. Frage mit ihrer Verwerfung der römisch-katholischen Messe deutlich wurde. Erst seit 1976 existiert eine ökumenische Erklärung zu dieser Frage.

Der Text des Heidelberger Katechismus war im November 1563 in die Kurpfälzische Kirchenordnung eingefügt worden. Bereits 1566 übernahmen die reformierten Gemeinden am Niederrhein den Katechismus als Lehr- und Bekenntnisbuch. Von Umfang und Eigenart her ist er eher ein Gemeindebuch für die erwachsenen Gemeindeglieder. Ab 1576 erschienen die ersten Kurzfassungen für den Kinder- und Erstkommunikantenunterricht.

Die reformierten Gesangbücher enthielten auch am Niederrhein im Anhang die Kurpfälzische Kirchenordnung und den Heidelberger Katechismus. Auf der Synode von Dordrecht 1618/19 wurde der Heidelberger Katechismus als Bekenntnisschrift zum Formular der Einheit der reformierten Christen in aller Welt erhoben. Über mehr als viereinhalb Jahrhunderte hinweg wurden Theologie und Gemeinde durch die Doppelnatur des Katechismus als Bekenntnisschrift und Gemeindebuch in Verbindung gehalten. Heute werden im kirchlichen Unterricht die Themen des Katechismus mit den Lebensfragen der Jugendlichen verbunden und Orientierungshilfen für ihr Leben in den Mittelpunkt gestellt. Würde es eine ewige Bestsellerliste geben, so wäre der Heidelberger Katechismus mit seinen weltweiten Millionenauflagen mit Sicherheit hinter der Bibel auf den Spitzenplätzen vertreten.

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