Ein Beitrag von Hans-Martin Ruf
Haus Zoar - von 1874 - 1981

Das erste Haus Zoar wurde im Jahre 1874 in den oberen Räumen der evangelischen Kleinkinderschule an der Kirchstraße 8 – 10 (heute befindet sich dort die Garagenauffahrt zu einem Kaufhaus an der Krichelstraße) eingerichtet. Wie kam es zu dieser Einrichtung und zu seinem Namen?

M. Gladbach hatte sich in dieser Zeit zu einer großen Industriestadt entwickelt. Viele Menschen kamen von Außerhalb, um in ihr Arbeit zu finden. Unter ihnen waren alleinstehende evangelische Fabrikarbeiterinnen. Bungeroth schreibt in seiner Gemeindegeschichte, die er nach seiner Pensionierung ab 1928 aufgeschrieben hat, über diese Menschen „Für die aus dem schützenden Gehege der Familie und Heimat losgelösten Arbeiterinnen, die in der Fremde begreiflicher Weise vielen Gefahren in sittlich-religiöser Beziehung ausgesetzt waren, da nur wenige von ihnen in gutgesinnten evangelischen Familien Unterkunft finden konnten, musste gesorgt werden“.

Pfarrer Zillessen bemühte sich ab 1862 um geeignete Privatquartiere oder brachte sie in freistehenden Räumen der Kleinkinderschule unter der Betreuung der Gemeindediakonisse unter. Das reichte ab 1871 nicht mehr aus. Die Unterkunft war zu primitiv, die Belastung der Gemeindediakonisse zu groß und die Zahl der zu Betreuenden wuchs ständig an. Es musste eine andere Lösung gefunden werden.

Die Gemeindeglieder – vor allem evangelische Unternehmer – zeichneten Legate für den Bau eines Kosthauses für alleinstehende Arbeiterinnen. Jetzt konnte die Gemeindeleitung beschließen, die oberen Räume in dem großen Haus der Kleinkinderschule an der Kirchstraße umzugestalten. In dem Haus waren schon eine Klasse der ersten evangelischen höheren Töchterschule, eine Wohnung für den Küster der evangelischen Kirche und für die „Kinderschultante“ untergebracht. Es wurden Schlafzimmer, eine Küche und ein Esszimmer eingebaut, eine zweite Gemeindeschwester eingestellt und die Kindergartenleiterin von ihrer Arbeit mit Kindern abgezogen und zu Betreuung der Fabrikarbeiterinnen (bei freier Kost und Logier) beauftragt.

In Jahr 1874 wurde die Wohnetage offiziell eröffnet, unter die Leitung der zweiten Diakonisse gestellt und das ganze Haus „Kosthaus Zoar“ genannt. Den Namen hatte man gewählt, weil das Haus, wie einst für Lot auf seiner Flucht aus Sodom und Gomorra eine Zufluchtsstätte (1. Mose 19, 22 + 23) für gefährdete Menschenkinder werden sollte. In einem Stadtplan von 1891 wird das Haus „Evangelisches Arbeiterinnen Hospiz“. genannt. Die „Kostgängerinnen“ zahlten 10 Mark alle 14 Tage für Unterkunft und Verpflegung. Die 12 aufgestellten Betten waren viele Jahre hindurch sehr begehrt. Aber ab 1885 ließ der Andrang merklich nach und die Spenden für ein zweites Haus Zoar für den Bau einer weitern Kleinkinderschule umgewidmet.

Dieses erste Haus Zoar bestand bis zum Ende der 80er Jahre. Das Haus wurde reparaturbedürftig, gar baufällig. Der Kirchmeister erkannte, dass sich eine Sanierung nicht rechnete und schlug der Gemeindeleitung einen Neubau an anderer Stelle vor. Bald fand sich ein Käufer für das alte Haus Zoar (es sollte Lager für ein Lampengeschäft auf der Crefelderstraße – heute Hindenburgstraße – werden).und ein Angebot eines unbebauten Waldgrundstückes am Fliescherberg. Der Verkaufspreis für das Haus mit Grundstück an der Kirchstraße war so günstig, dass damit das Waldgrundstück und ein Neubau auf ihm bezahlt werden konnte.

Im Januar 1891 wurde der von Kirchmeister Ed. Koenigs vorgelegte und vom Architekten Adolf Herrmann entworfene Bauplan von der Repräsentation einstimmig gutgeheißen. Der Bau ist dann noch im Laufe des Jahres ausgeführt und am Reformationstag 1891 feierlich eingeweiht worden. Das zweite „Haus Zoar“ - heute „altes Haus Zoar“ genannt - war entstanden! Dieses Haus wurde geplant für denselben Zweck wie das erste: Unterkunft für eine Kleinkinderschule (bis zu 100 Kinder wurden dort betreut), zwei Wohnungen für die Gemeindeschwestern, eine Wohnung für die „Kindertante“, Altenwohnung für die erste Kinderschulleiterin und wenige Schlafstätten für die Fabrikarbeiterinnen. Diese wurden bald ganz aufgegeben, es war kein Bedarf mehr da.

In der Folgezeit ist das „alte Haus Zoar“ am Fliescherberg Heimat und Zufluchtsstätte für viele Menschen, vor allem Jugendliche und Gemeindegruppen geworden. Auch die Kleinkinderschule – in 20. Jahrhundert Kindergarten genannt – hat sich in dem Haus sehr wohl gefühlt und viel Lebensraum gehabt.

In der Nacht vom 30. zum 31.August 1943 ist das Haus Zoar durch Kriegseinwirkungen bis auf die Umfassungsmauer ausgebrannt. Nach dem Wiederaufbau 1960 ist das Haus Heim für männliche und weibliche Jugend geworden und die Mitarbeiter/innen haben bis zu seinem Verkauf 1981 segensreich an den Jugendlichen gewirkt.

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