Interview mit Lothar Beckers, Archivbeauftragter des Gemeindeverbandes
400 Jahre Evangelische Gemeinde Gladbach

Am Buß- und Bettag, den 18. November 2009, feiern die Protestanten in Gladbach 400 Jahre Evangelische Gemeinde Gladbach mit einem Festgottesdienst in der Christuskirche um 19 Uhr und anschließendem Empfang im Haus Zoar. Die Festpredigt wird die Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Pfarrerin Petra Bosse-Huber, halten. Musikalisch gestalten Kantor Udo Witt und der Chor der Hauptkirche Rheydt den Festgottesdienst. Aber was feiern die Gladbacher Protestanten genau am 18. November? Wolfgang Hess sprach darüber mit dem Archivbeauftragten des Gemeindeverbandes ­Lothar Beckers.

? Lieber Lothar, was macht das Jahr 1609 so bedeutsam für die Protestanten in Mönchengladbach?
! Vor 400 Jahren erhielt die Gemeinde in Gladbach das Recht zur freien und öffentlichen Religionsausübung. Eine Gemeinde gab es auch schon vorher. Allerdings im Verborgenen, da die katholischen Landesherren von Jülich die Protestanten verfolgten. Weniger als 200 Menschen gehörten 1609 zu den Gladbacher Reformierten. Neben der reformierten Gemeinde gab es auch noch eine Täufergemeinde, die viel größer war und eine längere Tradition hatte. Sie wurde aber 1654 gewaltsam aufgelöst.
? Wie muss ich mir das denn vorstellen, dass die Gladbacher Gemeinde im Verborgenen existiert hat?
! Vor 1609 haben sich mehrere benachbarte reformierte Gemeinden zu einem Verband zusammengeschlossen, der von Wanderpredigern betreut wurde. In dieser Zeit haben sich die Gladbacher wiederholt eng mit den Rheydter Protestanten verbunden. Mehrmals wurden die Gladbacher Reformierten vom Rheydter Prediger Kaspar Wachendorf mit betreut. Die Rheydter Reformierten konnten diese Unterstützung leisten, weil sie einen Sonderstatus hatten: die Rheydter Schlossherren waren evangelisch und förderten und schützten die Gemeinde.
Im Besitz der vorherigen katholischen Pfarrkirche waren die Rheydter seit 1582. Eine starke evangelische Volksbewegung in Rheydt hatte die Katholiken schon frühzeitig in eine Minderheitenposition gebracht. Die Organisation der Reformierten in Presbyterien und Synoden trug durch Vernetzung und gegenseitige Hilfe wesentlich dazu bei, dass die Gemeinden in schwierigsten Zeiten überleben konnten. Eine strenge Kirchenzucht garantierte die Geschlossenheit nach außen. Tanz, Spiel und die Beteiligung am beliebten Karneval waren den Gemeindegliedern untersagt.
?Aber was hat sich denn nun durch 1609 verändert?
!Vor allem, dass die Protestanten in der Stadt Gladbach ab 1609 Gottesdienste abhalten konnten, ohne von der Obrigkeit bedrängt zu werden. Bis dahin waren Gottesdienste verboten. Jetzt konnte die Gemeinde einen eigenen Pfarrer wählen, der in der Stadt frei wirken durfte. Ein Friedhof wurde angelegt und ein Kirchbau geplant. Das Recht zur freien Religionsausübung bekamen die Gladbacher Protestanten 1609 durch die neuen lutherischen Landesherren von Pfalz-Neuburg und Brandenburg zugesichert.
Ein Konfessionswechsel des Pfalz-Neuburgischen Landesherren zum Katholizismus führte ab 1614 zu immer größeren Einschränkungen der Religionsfreiheit. Zuletzt wurden die Gottesdienste der Reformierten in der Stadt wieder für etliche Jahrzehnte verboten. Beerdigungen durften zwar auf dem eigenen Friedhof noch stattfinden, Predigten und Gesang am Grab waren aber untersagt.
Von 1633 bis 1683 betreuten die Rheydter Pfarrer Pitten, der Ältere, Pitten, der Jüngere, und Arnold Loers die Gladbacher Reformierten mit. Sonntag für Sonntag zog die ganze Gladbacher Gemeinde, jung und alt, gemeinsam den langen und beschwerlichen Weg nach Rheydt zum Gottesdienst in die Pfarrkirche.
Um die Lasten für die Rheydter Gemeinde etwas zu lindern, wurde vereinbart, dass die Gladbacher für die vier Abendmahlsfeiern im Jahr Brot und Wein mitbrachten. Im Oktober 1683 fand das erste Mal nach vielen Jahrzehnten in Gladbach eine Pfarrerwahl unter der Leitung des Rheydter Pfarrers Arnold Loers statt. Johann Peter Herminghausen wurde gewählt und bekam dann 1684 auch die erste gemeindeeigenene Kirche am heutigen Fliescherberg. Übrigens: Rheydter Pfarrer gingen auf Spendenreise nach Brandenburg und in die Niederlande, um einen Grundstock für den Bau der Gladbacher Kirche zu legen.
Noch ein Wort zur engen Zusammenarbeit mit der Rheydter Gemeinde. Es hat nicht viel gefehlt und beide Gemeinden hätten sich zu einer Gemeinde vereint. Etliche Gladbacher Protestanten siedelten nach Rheydt um, weil dort die Berufsausübung leichter möglich war. Außerdem raffte eine Pestepidemie zahlreiche Gemeindeglieder hinweg, so dass die kleine Gemeinde zeitweilig Auflösungserscheinungen zeigte. Es gab eine Reihe von Eheschließungen zwischen einflussreichen Familien. So heiratete der Rheydter Pfarrer Pitten, der Jüngere, Johanna Lüps, die Tochter des führenden Gladbacher Gemeindeglieds Peter Lüps.
?Lieber Lothar, das jetzt alles zusammenfassend, wie würdest Du die Bedeutung des Jahres 1609 beschreiben?
!Das wirklich wichtige und entscheidende war, dass die Gemeinde das erste Mal in ihrer Geschichte frei und öffentlich auftreten konnte. Das wurde damals auch so empfunden. So schreibt das Konsistorium im Januar 1610 an den Predigerkonvent in Wesel, dass für die Gemeinde in Gladbach dank Gottes Gnade ein neues Zeitalter der Freiheit angebrochen sei. Von ihrem Recht auf Religionsfreiheit aus dem Jahre 1609 ist die Gemeinde auch in den folgenden Jahrzehnten der Bedrängnis und Verfolgung nie abgerückt.
?Können wir Deiner Meinung nach etwas aus dieser Geschichte lernen?
!Unsere Probleme, Schwierigkeiten und Herausforderungen sind natürlich ganz andere. Aber die Beharrlichkeit und Glaubenskraft, mit der unsere Vorfahren die Gemeinde vorwärts gebracht haben, sind auch heute vorbildlich und inspirierend. Hinzu kommt die im reformierten Kirchenverständnis angelegte Bereitschaft zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe der Gemeinden. Heute müssen wir wieder verstärkt dahin zurückfinden. Vielleicht hilft uns ja die Erinnerung an dieses Vermächtnis unserer Vorfahren, um gegenwärtige und zukünftige Probleme unserer Kirche zu lösen.
Lothar, vielen Dank für das Gespräch.

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