Ein Beitrag von Lothar Beckers
Kirche und Karneval
Andere Zeiten - andere Sitten

Rosenmontag 1707: Auf der Tagesordnung des Konsistoriums, der Gemeindeleitung der Reformierten, stehen Maßnahmen der Kirchenzucht gegen Gemeindeglieder, die sich am Karnevalstreiben in der Stadt Gladbach beteiligt haben. Pfarrer Herminghausen und seine Ältesten haben eine Liste mit den Gemeindegliedern erstellt, die in den nächsten Tagen ernstlich ermahnt werden sollen, sich an das Verbot der Teilnahme an weltlichen Vergnügungen künftig zu halten. Ansonsten solle die Androhung des Ausschlusses vom Abendmahl erklärt werden. Schließlich war jedem Gemeindeglied bekannt, dass die Teilnahme an Schützenfesten, Tanz und Spiel, auch Kartenspielen und weltliche Musik nicht mit den Geboten der Heiligen Schrift in Einklang standen.

Erst recht nicht die Teilnahme am Karneval, der auf heidnische Fruchtbarkeitsfeste zurückzuführen war. Das Leben in den calvinistischen Gemeinden am Niederrhein war streng geregelt. Manches Gemeindeglied konnte so in ernsthafte Konflikte zwischen den Forderungen seiner religiösen Gemeinschaft und denen seiner weltlichen Gemeinschaften geraten - zumal auch Reformierte zu den Mitgliedern der Schützenvereine, Bruderschaften und Brauchtumsvereine gehörten.

Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde eine Beteiligung evangelischer Christen am Karneval als skandalös betrachtet. So vermahnte das Presbyterium der Rheydter Nachbargemeinde zweimal Gemeindeglieder, die sich 1937 und 1953 als Karnevalsprinz und Karnevalsprinzessin zur Verfügung gestellt hatten. Dem amtierenden Bundestagspräsidenten Dr. Ehlers teilte das gleiche Presbyterium 1953 mit, dass seine öffentliche Teilnahme an Karnevalsveranstaltungen sich mit den Pflichten eines evangelischen Christen nicht vereinbaren ließe. In jüngster Vergangenheit musste ein Pfarrer, der mit den karnevalistischen Bräuchen noch nicht vertraut war, zu seiner Überraschung feststellen, dass der am Veilchendienstag angesetzte Konfirmandenunterricht auf sehr geringe Resonanz stieß.

Rosenmontag 2007 - heute haben wir uns daran gewöhnt: Der postmoderne Philosoph Paul Feyerabend hat den neuen Stil formuliert „Anything goes“ – Alles ist möglich! Im Presbyterium sitzt der ehemalige Karnevalsprinz neben dem bekennenden Karnevalsmuffel, dazwischen der eine oder andere, der sich als maßvoller Zuschauer am fröhlichen Treiben beteiligt. Solange für alle gilt: „… und die Hände zum Himmel, den Blick auf den dreieinigen Gott gerichtet“, wird auch die ausgelassene Fröhlichkeit des Karnevals dem Glauben keinen Schaden zufügen.

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