Ein Beitrag von Lothar Beckers
Das evangelische Kirchenlied im Gladbach des 16. Jahrhunderts

Katholische Stimmen haben behauptet, dass im Reformationsjahrhundert mehr Katholiken zum Protestantismus hinübergesungen als hinübergepredigt worden sind.

Das evangelische Kirchenlied war zunächst weithin Martin Luthers Lied. 1522 war bereits das „Buch von der Evangelischen Meß“ von Kaspar Kantz in Nördlingen erschienen. 1524 gilt als das Geburtsjahr des evangelischen Kirchenlieds, als in Wittenberg und Erfurt vier Liedersammlungen entstanden, denen zahlreiche reformatorisch geprägte Gesangbücher in kurzem Abstand folgten. Lieder wie Martin Luthers „Nun freut euch, lieben Christen g`mein“ (EG 341) und zahlreiche andere Lieder aus der Frühzeit der Reformation werden bis heute in unseren Gemeinden gesungen.

Für das evangelische Kirchenlied am Niederrhein bedeutsam ist die kurze Phase der sogenannten Kölner Reformation, die 1543 vom Kölner Erzbischof Fürst Hermann von Wied eingeleitet wurde und 1547 mit seinem Rücktritt endete. Unter dem Einfluss der Reformatoren Philipp Melanchthon und Martin Bucer veranlasste Hermann von Wied 1544 die Erstellung eines „Unionsgesangbuches“, das neben mittelalterlich altkirchlichen Gesängen zahlreiche Lieder der Lutheraner, der Reformierten, der Böhmischen Brüder und Psalmengesänge der Wiedertäufer enthielt. Dieses „Bonner Gesangbuch“ basierte auf dem „Straßburger Gesangbuch“ Martin Bucers von 1538. Es überlebte seinen Initiator, der als überzeugter Lutheraner starb, um etliche Jahrzehnte und erlebte bis 1630 zahlreiche Neuauflagen. Das älteste noch vorhandene Exemplar von 1550 befindet sich in Rom in der Bibliothek des Vatikans, in die es als „Beutegut“ des Generals Tilly im Dreißigjährigen Krieg über Umwege gelangt war. Das Titelblatt dieser Ausgabe (Foto) zitiert Psalm 146: „Ich will den Herren loben/so lang ich lebe/und meinem Gott lobsingen dieweil ich hie bin.“

Wenige Jahre nach der Entstehung des „Unionsgesangbuches“ verfasste der im Gladbacher Raum wirkende Täuferapostel Mathias Servaes ein eigenes Gesangbuch für die Wiedertäufergemeinden im Rheinland unter dem Titel „Schön Gesangbüchlein geistlicher Lieder“, das fortan in den Gottesdiensten der in Gladbach stark vertretenen Mennoniten Verwendung gefunden haben dürfte. Servaes starb am 31.7.1565 in Köln den Märtyrertod. Die Wiedertäufergemeinde soll 1574 mit ca. 150 Familien in Gladbach 20 Prozent der Gesamtbevölkerung betragen haben.

Neben den Wiedertäufern hatte sich eine zunächst zwinglianisch ausgerichtete evangelische heimliche Gemeinde der sogenannten „Sakramentierer“ in Gladbach ausgebildet. Sie entwickelte sich spätestens ab 1560 zunehmend in Richtung des calvinistisch reformierten Bekenntnisses. Diese „Gemeinde unter dem Kreuz“ wurde von benachbarten reformierten Gemeinden unterstützt. Die Reformierten lehnten die instrumentale Begleitung ihres Gottesdienstes ab, da sie als Ablenkung vom Hören des Wortes Gottes und vom Gebet verstanden wurde. Ein Vorsänger gab den Ton an, der Rest der Gemeinde fiel darauf ein. Ein einheitliches reformiertes Gesangbuch gab es im 16. Jahrhundert am Niederrhein nicht. Bei heimlichen Gottesdiensten auf katholischem Boden dürften auch Liederblätter Verwendung gefunden haben. Bei Einzelliederdrucken war es leichter, die von der Obrigkeit verhängten Druckverbote zu umgehen. Außerdem konnte man bei gewaltsamer Auflösung der Gottesdienste die Liedblätter schneller verschwinden lassen. Ansonsten wich man zum Gottesdienst in reformierte Herrschaftsgebiete aus, u.a. nach Rheydt, Wickrath, Odenkirchen.

Da die calvinistische Reformation ab ca. 1566 aus der Pfalz an den Niederrhein kam und zur gleichen Zeit Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden über die Grenze strömten, darf angenommen werden, dass auch evangelisches Liedgut dabei mitgebracht wurde. 1567 war das reformierte „Pfälzer Gesangbuch“ erstmals erschienen, das ein Auszug aus dem „Bonner Gesangbuch“ war und die Lieder Luthers im calvinistischen Sinne, z.B. beim Abendmahlsverständnis, veränderte.

Große Bedeutung bei der Ausbreitung des reformierten Bekenntnisses hatte der Psalmengesang. 1562 war der sogenannte „Hugenottenpsalter“ von Marot und Beza in der Vertonung von Claude Goudimel erstmalig vollständig erschienen. Der Königsberger lutherische Juraprofessor Ambrosius Lobwasser übertrug die 150 Psalmen in teilweise holprigen Versen ins Deutsche und veröffentlichte diese Sammlung 1573. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war diese Psalmensammlung die Grundlage der reformierten Gesangbücher.

Daneben wurden aber auch andere Kirchenlieder, teilweise bis in unsere Zeit gesungen. Graf Johann d.Ä. von Nassau-Dillenburg hatte bereits ab 1583 die Lobwasser-Psalmen in das „Neustädter-Gesangbuch“ eingeführt, aber einen besonderen Liederteil aus dem alten Pfälzer Gesangbuch angefügt. 1586 hatte er erstmals die weitverbreiteten „Herbornischen-Gesangbücher“ drucken lassen, deren Grundlage die Lobwasser-Psalmen waren.

Im Jülicher Raum waren auch holländische Psalmenbücher im Rahmen der grenzübergreifenden „Nederduitsen Kerk“ stark verbreitet. Die Kirchenlieder prägten sich Generationen von Gemeindegliedern ein, wurden durch ständigen Gebrauch memoriert und schufen ein die Jahrhunderte überdauerndes protestantisches Gemeinschaftsgefühl.

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